Ehemaligenbericht von Deniz Leon Ochmann, Abitur 2014

Rückblick auf acht Jahre Herder

Ich heiße Leon Ochmann und studiere seit einem Jahr im Doppelstudium Mathematik und Informatik an der HU Berlin. Von 2006 bis 2014, von der 5. bis zur 12. Klasse, habe ich das Herder-Gymnasium im mathematisch-naturwissenschaftlichen Zug besucht. Ich habe meine Zeit auf dem Herder schon während dieser sehr genossen, und nach einem Jahr an der Uni ist meine Wertschätzung nur noch gestiegen. Hier steht warum.

Zum einen ist da die Atmosphäre. In meiner Klasse habe ich viele tolle Leute kennengelernt, mit den verschiedensten Interessensgebieten, sodass es auch neben dem Unterricht viele spannende Diskussionen gab. Die allermeisten von ihnen waren wirklich am Lernen interessiert, und sobald eine gewisse kritische Masse an solch lernwilligen Schülern überschritten ist, werden Störungen im Unterricht viel seltener. Die Beleidigung „Streber“ haben wir nie benutzt; wenn, dann hätte sie wohl eher als Kompliment gegolten, denn in meiner Klassengemeinschaft konnte man sich Wertschätzung und Anerkennung darüber verdienen, gut in der Schule zu sein oder erfolgreich an Wettbewerben teilzunehmen, während das an anderen Schulen größtenteils über Sportlichkeit funktioniert. Natürlich katalysiert so eine Atmosphäre das Lernen ungemein.

Vielen meiner Lehrer am Herder konnte man den Enthusiasmus für ihr Fach an der Nasenspitze ablesen. Der sorgt dafür, dass nicht unterrichtet wird, um ein bestimmtes Curriculum ab- und die Schüler auf Tests vorzubereiten. Wenn es dem Lehrer Spaß bereitet, Schülern etwas beizubringen, dann nimmt man auch vielerlei Inhalte jenseits des Curriculums mit. Um nur einen winzigen Ausschnitt solcher Lernerlebnisse zu nennen: Ich erinnere mich beispielsweise, mit meiner Kunstlehrerin nach dem Unterricht eine halbe Stunde lang über die Frage zu streiten, ob der Rahmen strikt dem Werk folgt oder ob er auch einen gewissen Einfluss darauf ausübt (sie hat mich schlussendlich von Letzterem überzeugt). Ein andermal haben mein Freund und ich uns angeregt mit unserem Philosophielehrer über Wittgenstein unterhalten, mit unserem Geschichtslehrer über die Ironie deutsch-französischer Geschichte gelacht und so weiter und so fort. Insbesondere im Mathematikunterricht trat dieses Phänomen zu Tage. Allein schon dadurch, dass ich seit der fünften Klasse an viele Wettbewerbe herangeführt wurde, habe ich Unmengen Mathematik gelernt und viele Möglichkeiten zum Austausch mit Gleichgesinnten bekommen, und ich will mir nicht vorstellen, wie viele dieser Erfahrungen ich versäumt hätte, wäre ich auf eine andere Schule gegangen.

Kommen wir nun zum wichtigsten Punkt: Dem eigentlichen Unterrichtsinhalt. Es herrscht die Ansicht, dass das Herder deutlich schwieriger als andere Schulen ist und die Noten dafür nicht besser, sondern vergleichbar sind. Als Alumnus kann ich sagen: Das stimmt, und es ist die beste Eigenschaft der Schule. Bevor Sie mich nun für verrückt erklären, lieber Leser, lassen Sie mich erklären.

Zunächst fragen Sie sich vielleicht, woher ich denn überhaupt weiß, wie es auf anderen Schulen aussieht. Nun, zugegeben, ich habe nie andere Oberschulen besucht. Meine Aussage stützt sich vor allem auf die folgenden beiden Erfahrungen.

Ich gebe gern und viel Nachhilfe, insbesondere im Fach Mathematik. Dadurch komme ich mit vielen Schülern anderer Schulen in Kontakt, und ich muss sagen, dass ich die ersten Male wirklich bestürzt war, nicht nur über die Probleme der Schüler, sondern vor allem über das von ihnen erwartete Niveau, denn das war—ich bitte um Verzeihung—geradezu lachhaft. So lachhaft, dass man den Mathematik-Unterricht ab Klasse 8 lieber gleich ganz streichen sollte, denn das, was dann unterrichtet wird, ist keine Mathematik mehr, sondern abartiges Regeln-Auswendig-Lernen und Symbolketten-Manipulieren, ohne jegliche Motivation zu kennen oder verstanden zu haben, warum das Sinn ergibt. Fragen wie „Warum machen wir das eigentlich gerade?“ oder „Was bringt uns das?“ konnten mir meine Nachhilfeschüler nie beantworten; das Curriculum wurde so zusammengestrichen, dass die kläglichen Reste, die übrig geblieben sind, keinerlei mathematische Bildung mehr verheißen; kein Wunder, dass viele Erwachsene mit Grauen an ihren Mathematik-Unterricht zurückdenken.

Mit meinen Nachhilfeschülern musste ich oft ganz von vorn anfangen, um eine solide Basis zu gründen. Und da bin ich bald auf ein zweites Problem gestoßen: Wenn ich viel Zeit darauf verwendete, die Motivation und ein solides Verständnis aufzubauen, sagten meine Schüler mir häufig, dass sie das ja in der anstehenden Arbeit gar nicht bräuchten und viel lieber ein paar Regeln auswendig lernen wollten, die abgefragt würden. Selbstverständlich ist das die vollkommen verkehrte Motivation—es geht nicht darum, in der Klausur eine 3 zu bekommen, ohne ein Wort von dem verstanden zu haben, was man da schreibt, sondern darum, wirklich etwas zu verstehen, zu lernen. Umso schlimmer, dass die Arbeiten an vielen Schulen und das Berliner Curriculum offenbar so entworfen sind, dass die erste Variante gefördert wird und kein Verständnis, sondern bloß stupides Regelanwenden nötig ist.

Solche Klausuren schließen natürlich das Zentralabitur (nicht nur im Fach Mathematik!) mit ein; da das an allen Schulen gleich aussieht, waren wir am Herder ziemlich amüsiert über viele der Fragen. Oft haben wir sogar viel zu viel Begründungen und Rechtfertigungen unserer Rechenschritte geschrieben, die gar nicht gefordert waren (zu einer Aufgabe habe ich 2 Seiten geschrieben, obwohl 2 Sätze gereicht hätten); auf dem Herder wurden wir daran gewöhnt, uns um die Begründung zu kümmern, und uns wurde vor allem Verständnis der Mathematik hinter den Aufgaben vermittelt. Wir haben zu jedem Thema vielerlei verschiedene Aufgaben bekommen, die nicht alle nach einem Schema zu lösen waren, sondern die eigenes, selbstständiges Denken und das clevere Anwenden des Stoffes erforderten und trainierten.

Meine zweite Erfahrung habe ich im Mathematik-Studium gemacht. Die meisten meiner Kommilitonen (weit mehr als 50% haben das Studium inzwischen abgebrochen, keine unübliche Quote) wurden von den Vorlesungen völlig überrascht, in denen es plötzlich vorrangig um Verständnis und Begründungen ging; warum man beispielsweise das Konzept einer Zahl erst einmal sauber definieren muss oder will, ging ihnen völlig ab, in der Schule hatte Mathematik ganz anders ausgesehen. Trotz 12 Jahre Schule wussten viele von ihnen schlicht und ergreifend nicht, was Mathematik ist. Ich hingegen habe ungemein von meinen Erfahrungen auf dem Herder und in Mathematik-Wettbewerben profitiert. Zwei der Erstsemester-Vorlesungen musste ich gar nicht besuchen, weil ich im Leistungskurs plus auf dem Herder die erforderlichen Scheine schon gemacht hatte, und stattdessen habe ich nebenbei Informatik studiert und Dritt- und Fünftsemester-Veranstaltungen besucht, die deutlich interessanter und anspruchsvoller waren; mathematisch war mir die beste Basis gegeben, und ich war an harte Arbeit gewohnt, sodass ich sogar diese Vorlesungen meistern konnte.

Warum also ist es gut, dass das Niveau auf dem Herder deutlich höher ist als auf anderen Schulen? Weil es auf dem Gymnasium darum geht, die Schüler bestmöglich auf das Studium und das Leben vorzubereiten, weil es darum geht, Kinder in ihren prägsamsten Jahren mit Fähigkeiten und Wissen auszustatten, von denen sie ein Leben lang profitieren werden. Kurz, weil es darum geht, Kinder zu bilden. Noten sind nicht der Zweck der Schule, sondern eine schlichte Notwendigkeit, und Schulen nach dem Abiturdurchschnitt zu bewerten, ist widersinnig und absurd, wenn man bedenkt, dass die Schule selbst ja die Noten vergibt. Spätestens nach dem Studium fragt niemand mehr nach der Abi-Note; die Kenntnisse, die man auf dem Gymnasium erlernt hat, begleiten einen aber für immer.

Aus diesen Gründen schätze ich das hohe Niveau des Herder-Gymnasiums so sehr, und wenn ich mir eine Änderung wünschen dürfte, dann höchstens die, dass es noch anspruchsvoller sein sollte; ich bin mir sicher, alle würden davon profitieren.

Deniz Leon Ochmann (ehemaliger Schüler)

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